Urlaub gegen Hand
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Frugalismus unterwegs: Urlaub gegen Hand

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Corona macht erfinderisch, was die Sommer- und Reisezeit angeht. Wegfahren in andere Länder? Urlaub im eigenen Land an überfüllten Orten? Schnell landet man beim Ferienhaus, Campervan oder Urlaub mit dem Wohnwagen, um dem Massentourismus zu entkommen. Doch zur Hochsaison sind die Preise utopisch, die Tourismusbranche ist trotz allem angeschlagen und wer ein Freund des Frugalismus ist, schaut sich nach Alternativen um. Das Motto: ein Gefühl von Erholung bei möglichst wenig Ausgaben und keinen Verlust der Lebensqualität.

Urlaub gegen Hand und Hilfe bedeutet, vor Ort beim Gastgeber mit anzupacken. Im Gegenzug gibt es freie Kost und Logis. Ähnlich dem “Wwoofen” (Worldwide opportunities on organic farms), wo Du auf Farmen Deine Hilfe einsetzt, hat sich mittlerweile in Deutschland und ganz Europa eine Szene etabliert, die sich in sozialen Netzwerken mit Angeboten für Urlaub gegen Hand oder Gesuche ergänzt.

Seien es Käufer von Resthöfen, die sich mit der Renovierung verschätzt haben und Unterstützung bei den verschiedensten handwerklichen Tätigkeiten benötigen. Oder Bauern, die aufgrund von Corona-Beschränkungen Hilfe bei der Ernte und für die Tiere suchen. Oft tummeln sich auch viele Aussteiger oder solche, die es werden wollen, in diesen Netzwerken. Was malerisch verträumt daher kommt, entpuppt sich je nach Aufgabe zu einem Body-Workout und Aktiv-Urlaub.

Im Gegensatz zum Haussitting, wo Du auf den Besitz und oft auf die Tiere der Anbieter aufpasst, packst Du beim Urlaub gegen Hand mit an. Die Abgrenzung zur Schwarzarbeit ist dünn. Da es keinen Lohn gibt, sondern freie Kost und Logis, fällt es eher unter den juristischen Aspekt der Gefälligkeiten. Nur ganz klar ist das auch nicht.

Ebenfalls abzusprechen ist die Anzahl der Stunden am Tag, die vor Ort der Unterstützung dient. Sonst kann aus einem Urlaub gegen Hand eher eine Hand ohne Urlaub werden und Du fragst Dich, warum Du zwar ausgepowert, aber nicht erholt bist. Daher solltest Du gut planen, wie Du Deine Zeit vor Ort einsetzen möchtest sowohl für Dich als auch für den Gastgeber. Das sollte bereits im Vorgespräch geschehen, um Erwartungshaltungen anzugleichen. Beim klassischen Wwoofen sind es 18 Stunden pro Woche, beim Urlaub gegen Hand empfiehlt sich 2-3 Stunden pro Tag. Alles darüber kippt in ein Gefühl der Ausbeutung, wenn kein Ausgleich in adäquater Form an Erholung gegeben ist.

Vielleicht eignet sich auch eine Aufteilung von ein paar Tagen am Stück arbeiten, um dann im Anschluss eine komplett freie Zeit zu genießen.

Wichtig für den gegenseitigen Wohlfühlfaktor sind die Menschen vor Ort selbst. Bei der Anbahnung des UgH (Urlaub gegen Hand) Tauschs wird oft telefoniert und per Videochat entsteht der erste Eindruck. Du beschreibst, was Du an Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringst und erfragst, wie Du vor Ort wohnen wirst. Und wie es mit dem Essen ausschaut. Und mit Haustieren. Und deinen eigenen. Essentiell ist hier eine freundliche Ehrlichkeit. Wenn dein Bauchgefühl Bedenken äußert, hör auf deinen Bauch. Im Gegensatz zum Urlaub lebst Du vor Ort wie in einer Gastfamilie und da muss es zwischenmenschlich eher passen als in einem serviceorientierten Hotel. Versichert bist Du im Unfallsfall auch nicht, also sei auch Dir gegenüber ehrlich und überschätze nicht deine Fähigkeiten.

So war mein erster Urlaub gegen Hand

Mich verschlug es in den hohen Norden bei meiner ersten Urlaub gegen Hand Erfahrung. Ein Resthof auf einem ländlichen Grundstück irgendwo im Nirgendwo. Die Besitzer baten um Hilfe beim Fassaden streichen, Zaun bauen, Gartenarbeiten.

Nach einem sympathischen Erstgespräch waren die Termine schnell gesetzt und die Corona Maßnahmen ebenfalls durchgesprochen. Es klang vernünftig. Vor Ort hatte ich mein eigenes Gästezimmer mit Stauraum, direkt gegenüber des Gemeinschaftsbades.

Gefrühstückt wurde unregelmäßig, da beide Gastgeber noch ihren Tätigkeiten nachgehen. Wir haben uns auf 3-4 Std. Hilfe geeinigt. Im Nachhinein viel Zeit, das würde ich beim nächsten Mal besser aufteilen. Denn 4 Stunden am Tag körperliche Arbeit führten dazu, dass ich im Anschluss einfach zu müde war, um etwas zu unternehmen.

Tätigkeiten bei Urlaub gegen Hand

Ich habe also bei Wind und Wetter eine Hauswand vorbereitet, indem ich sie mit Drahtbürsten aufgeraut habe. Am Tag darauf habe ich die Grundierung aufgetragen. Die beiden nächsten Tage war ich mit Abkleben und Streichen beschäftigt.

Als Homo Digitalis hat mich die körperliche Arbeit angenehm erschöpft, nur blieb da nicht viel vom Urlaub. Einen Tag habe ich komplett frei gemacht und die Gegend erkundet. Ansonsten war ich allein auf dem Resthof.

Die Versorgung war gut, es wurde meist vegetarisch gegessen und die Gastgeberin hat gekocht. Es war dann doch recht einsam, da ich die Einzige auf dem Resthof war – abgesehen von den Gastgebern – und beim gemeinsamen Essen mir nie Fragen gestellt wurden. Das kann man als Desinteresse an meiner Person auslegen oder ich habe etwas verpasst, was ein Miteinander beim Abendessen angeht. Dafür wurde auf meine Fragen hin viel erzählt. So blieb ich größtenteils der Mystery UgH’ler und verrichtete weiter meine Tätigkeiten. Vormittags hab ich die Zeit für mich genutzt und nachmittags geholfen.

Rückblickend habe ich aus dieser Erfahrung viel mitgenommen. Zum Beispiel, was es bedeutet, einen Hof instand zu halten oder gar zu renovieren. Eigentum verpflichtet. Da ist was dran.

Mein Geld habe ich in die Fahrtkosten investiert. Ich würde einen Urlaub gegen Hand jederzeit wieder machen. Es kommt wirklich darauf an, was man erleben möchte und wie offen man auf die Gastgeber zugeht. Und diese wiederum auf einen selbst. Und ob weitere Menschen vor Ort sind. Chancen auf eine erlebnisreiche Zeit sind auf jeden Fall gegeben, denn man taucht für einen kurzen Moment in das Leben der anderen ein. Sei es die Pferdefarm in Norwegen, eine Olivenplantage in Sizilien, ein Rittergut in Thüringen oder frei nach Karen Blixen mal auf einer Farm in Afrika: von einfach bis ausgefallen ist alles möglich. Schöner scheint es, so eine Erfahrung zu zweit zu machen oder weitere UgH’ler vor Ort anzutreffen, um sich auszutauschen. Denn dann wird auch eine zen-meditative Arbeit wie Fassaden streichen zur angenehmen Kurzweil.

Vorteile von Urlaub gegen Hand

  • kostengünstige Alternative zum Individual- und Massentourismus
  • die Möglichkeit, spannende Menschen und Orte zu entdecken
  • inklusive Body-Workout statt im Fitness-Studio zu schwitzen
  • Kost und Logis gratis gegen Hilfe vor Ort
  • für Tierbesitzer eine gute Möglichkeit, mit dem Fellkind zu verreisen
  • Du siehst, was Du an einem Tag geschafft hast

Nachteile von Urlaub gegen Hand

  • ohne konkrete Formulierung von Erwartungshaltungen kippt es in billige Arbeitskraft
  • Toleranztest für unterschiedliche Meinungen, von Corona-Leugner bis zum Esoteriker ist alles vertreten
  • oft spontan Angebote mit einer Vorlaufzeit von 1-2 Wochen
  • es kann zu kurzfristigen Absagen und Änderungen kommen
  • meist sind es abgelegene Orte, ein Auto ist daher von Vorteil
  • kein Versicherungsschutz im Falle eines Unfalls

Wer es selbst einmal ausprobieren möchte, wird auf Facebook fündig:

(Diese Angebote basieren alle auf gegenseitigem Vertrauen)

Urlaub gegen Hand

Urlaub gegen Hand für Frauen

Urlaub gegen Hand und Hilfe

Bei workaway.info muss man sich registrieren, bezahlt eine geringe Beitragsgebühr und bekommt dafür im Gegenzug Referenzen, um sich dann über seine Erfahrungen und seine Mitmenschlichkeit eine Glaubwürdigkeit aufzubauen.

Bildnachweis: Photo by Timothy Eberly on Unsplash

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